Neu an der Untersuchung ist, dass sie Rentenansprüche und Vermögen erstmals gemeinsam über den gesamten Lebensverlauf vergleicht und dabei auch Unterschiede nach Kinderzahl sowie zwischen Ost und West detailliert herausarbeitet.
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Reformen nicht an den Lebensrealitäten vorbeigehen dürfen – besonders nicht an den strukturellen Benachteiligungen von Müttern", betont Katja Möhring, Professorin für Soziologie, insbesondere Familie und Arbeit, der Universität Bamberg. "Vor allem in Westdeutschland gibt es eine anhaltende Renten- und Vermögenslücke, die weder Kindererziehungszeiten noch private Vorsorgeinstrumente vollständig schließen."
Die Studie "The Motherhood Penalty in Financial Resources for Retirement: A Life Course Perspective on the Accumulation of Public Pension Wealth and Personal Wealth in East and West Germany" basiert auf dem Datensatz SOEP-RV, der Haushaltsbefragungen mit Rentendaten der Deutschen Rentenversicherung kombiniert. Untersucht wurden Frauen der Geburtsjahrgänge 1937 bis 1989 in Ost- und Westdeutschland.
Gesetzliche Rente: Unterschiedliche Entwicklungen der Ansprüche in Ost- und Westdeutschland
In Westdeutschland führt Mutterschaft zu einem deutlichen Rückstand bei den gesetzlichen Rentenansprüchen. Selbst nach der rentenrechtlichen Berücksichtigung von Kindererziehungszeiten – wie der sogenannten Mütterrente – besteht im Durchschnitt über 150.000 Euro weniger Rentenvermögen im Vergleich zu kinderlosen Frauen. Als Rentenvermögen definiert wird dabei die Summe des Renteneinkommens über die voraussichtliche geschlechter- und kohortenspezifische Lebenserwartung hinweg. In Ostdeutschland kommen Mütter aufgrund traditionell hoher Erwerbsbeteiligung deutlich näher an kinderlose Frauen heran. Bis zum Rentenalter gleichen sich die Ansprüche in Ostdeutschland nahezu an. Andreas P. Weiland vom Lehrstuhl für Lebensverlaufssoziologie an der TU Dortmund erläutert: "Die ostdeutschen Erwerbsverläufe zeigen, dass kontinuierliche Erwerbsbeteiligung langfristig mit geringeren Unterschieden bei den Rentenansprüchen einhergeht."
Vermögen: Deutliche Motherhood Penalty im Westen
Das Vermögensniveau ist in Westdeutschland generell höher – doch insbesondere hier ist die sogenannte Motherhood Penalty, eine in der Forschung etablierte Bezeichnung für finanzielle Nachteile von Müttern, besonders ausgeprägt: Kinderlose Frauen erreichen im Alter durchschnittlich ein fast zehnmal so hohes individuelles Vermögen wie Mütter. In Ostdeutschland ist die Vermögenslücke geringer; sie betrifft vor allem Mütter mit zwei oder mehr Kindern.
Mehr Kinder – höheres Risiko
In beiden Landesteilen zeigen sich starke Nachteile für Mütter mit zwei oder mehr Kindern, die sowohl beim Vermögen als auch bei Rentenansprüchen am meisten zurückfallen. Clara Overweg vom Lehrstuhl für Soziologie sagt: "Unsere Analysen zeigen, dass Unterschiede in den Erwerbsverläufen entscheidend dafür sind, wie sich Renten- und Vermögenswerte entwickeln. Besonders bei Frauen mit mehreren Kindern wirken sich längere oder häufigere Erwerbsunterbrechungen deutlich aus."
Strukturelle Hebel für mehr Gleichberechtigung und stabile Renten
Die Forschenden betonen, dass eine zukunftsorientierte, fiskal nachhaltige und geschlechtergerechte Rentenpolitik vor allem durch Reformen in der Arbeitsmarkt- und Familienpolitik gestaltet werden kann. Entscheidend sei dabei die Förderung einer gleichberechtigteren Beteiligung von Frauen und Männern an der (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit – etwa durch Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch auf betrieblicher Ebene bestehe Potenzial für unterstützende Ansätze, beispielsweise durch flexible Arbeitszeitmodelle. Im Gegensatz dazu begünstigten bestehende Regelungen wie das Ehegattensplitting weiterhin, dass insbesondere Mütter häufiger geringfügig oder in Teilzeit beschäftigt sind. Zudem könnten Instrumente wie die Elternzeitregelung genutzt werden, um Väter stärker in Sorgearbeit einzubinden, so die Forschenden. Solche Maßnahmen ließen sich umsetzen, ohne zusätzlichen Druck auf die Finanzierung der gesetzlichen Renten auszuüben – zugleich könnten sie wichtige Weichen für eine nachhaltige soziale und wirtschaftliche Entwicklung stellen und angesichts des Fachkräftemangels sowie des demografischen Wandels positive Impulse für den Wirtschaftsstandort Deutschland setzen.
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